Editorial

Ein Wort unseres bedingt zurechnungsfähigen Herausgebers.

Claudio

Freitags for Future

Auf Gomera protestieren wir beileibe nicht nur Freitags for Future. Wir kämpfen auch den gesamten Rest der Woche für unser sterbendes Klima. Aber hallo!

SUV? Fahren wir nicht. Nie!!! Wir haben nicht mal mehr einen klapprigen Panda. Auch kein Motorrad. Nicht mal ein Moped. Wir eiern mit unserem uralten Drahtesel durch das Biotop. Null Emission, null Co2, null Feinstaub. Wir essen keine toten Tiere. Wir leben alle vegan, oder zumindest vegetarisch. Auf jeden Fall leben wir auf Gomera voll asketisch.Einkaufen nur noch im Jutebeutel. Und ausschließlich Nahrungsmittel, die hier auf der Insel wachsen. Kiwis lassen wir liegen. Auch Erdbeeren aus Südafrika, Kirschen aus Chile oder Linsen aus Kanada. Wegen der Transportwege und des Klimas und so.

Natürlich trennen wir unseren Müll. Wir verwenden auch keine Plastiktüten mehr. Selbst unsere Hundekacke auf der Straße sammeln wir nicht mehr in Plastikbeuteln, sondern nur noch in Papiertütchen auf. Damit müssen wir uns allerdings ein wenig beeilen, weil die sonst durchweichen, und man da dann mit der Kacke in den bloßen Händen durchs halbe Dorf zum Müllcontainer laufen muss. Und wenn uns der kleine Bordsteinkacker mit seinem Gekläff auf den Pinsel geht, dann fliegen wir ihn liebevoll mit einem Flugpaten von Pro-Animal in die kalte Heimat. Ob er nun will (der Hund) oder nicht

Wegen des ökologischen Fußabdrucks bauen wir auch keine Steinhäuser mehr, sondern nur noch Hütten aus Schilfrohr. Das wächst im Barranco wie Unkraut und brennt voll prima, wenn es da zu lange einfach so rumsteht. (Haben wir ja alles erlebt – noch gar nicht so lange her).

Weil der Meeresspiegel immer weiter steigt, das Meer sich immer weiter erwärmt und versäuert, pinkeln wir nicht mehr in den Ozean. Nicht mal wenn es keiner sieht. Im Gegenteil: Wir sammeln sogar den Müll vom Strand und tauchen im Hafenbecken Batterien und Autoreifen auf. Dann halten wir uns bei den Händen und singen Fährfrauenlieder für unsere arme Mutter Erde, die heutzutage so schrecklich leiden muss.

Und während wir das alles und noch viel, viel mehr dafür tun, dass unser Klima nicht allzu bald total vor die Hunde geht, und auch unsere Enkel noch richtige Luft atmen können, fackelt dieser Schweinehund Bolsonaro den brasilianischen Regenwald ab. Da fühlen wir uns doch irgendwie voll verarscht, oder was? Deutschland verkauft wieder jede Menge Waffen an die Emirate im Nahen Osten. Die Amis rüsten Saudi-Arabien auf. Und Israel. Die Russen verkaufen Waffen in die Türkei und den Iran. Wir auch.

Bolsonaro fackelt den Regenwald am Amazonas ab. Trump den Urwald von Alaska. Die Indonesier schlagen ihre Inseln kahl. Die Chinesen sind mit ihrer “Seidenstraße” dabei, Asien, Afrika und Europa “einzugemeinden”, damit sie bald die ganze Welt mit ihrem Billigplastik zuscheißen können. Das schwimmt dann hinterher im Meer, und wir, auf Gomera, müssen das Zeugs dann rausfischen und in die Mülltonne “entsorgen”.

Sagt mal, Leute, habt Ihr sie eigentlich noch alle?

Vor nunmehr gut 25 Jahren druckten wir im Valle-Boten das nachfolgende Editorial:

“Wir sind kein verlaustes Hippie-Blatt, auch wenn uns mancher unserer Leser und Leserinnen nach der letzten Ausgabe als solches beschimpfte. Gern würden wir es ja auch diesen chronischen Meckerbolzen rechtmachen. Vielleicht sollten wir uns wirklich bemühen, uns fürderhin einer kultivierteren Sprache zu befleißigen. Es sollte vielleicht nicht mehr Bocklosigkeit sein, die uns depressiv stimmt, sondern Unpässlichkeit. Weder sollte in Zukunft der Bär los sein, noch der Papst boxen. Stattdessen sollten nur noch Heiterkeit und Frohsinn die Sträßchen unseres entzückenden Ferienparadieses erfüllen. Statt „Käse aus Kohlrabien“ sollten wir „Nachrichten aus der Heimat“ bringen und statt von der Bundesbirne künftig – wenn überhaupt – nur noch von „unserem“ Herrn Dr. Kohl sprechen. Begriffe wie „geil“ sollten wir mit „lieblich“ übersetzen – die Steigerung wäre dann allenfalls „ober-affen-turbo-scham-titten-lieblich“ oder so.

Wie gesagt: Wir sollten uns bessern, denn schließlich – so sagte man uns mehrfach und überdeutlich – sind es ja nicht die „Ruinas“, die „Kaputtniks“, die uns die Knete – pardon – das Auskommen sichern, sondern die besseren Leute. Und die sagen niemals „Scheiße“, sondern allenfalls „Igitt“. Andererseits, wenn wir uns das alles so recht überlegen, sind wir hier schließlich immer noch und gottseidank im Valle, und nicht in einem dieser abartigen, sterilen Touristen-Ghettos auf einer der Nachbar-Inseln. (Namen sind der Redaktion hinreichend bekannt). Und so meinen wir denn, dass die „feinen Leute“ doch vielleicht eher die „Elegante Welt“ oder „Madame“ lesen sollten, wenn sie sich am Swimming-Pool ihre Piñacoladas ins Gesicht schütten – pardon – daran nippen. Wir, vom Valle-Boten, möchten doch lieber unserem Motto treu bleiben, so wie es seit Anbeginn im Titel unserer Zeitung steht: „unabhängig – überparteilich – abgedreht.“ Wobei die Betonung natürlich nach wie vor auf „abgedreht“ liegt. „Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die keiner kann,“ heißt es im Volksmund. Und wenn wir mal ganz ehrlich sein dürfen, dann wollen wir es eigentlich auch gar nicht „jedermann“ recht machen”.

Das schrieben wir – wie gesagt – vor über 25 Jahren. Und in der Zwischenzeit haben wir unsere Meinung nicht geändert. Obwohl wir jetzt ja auch nicht mehr als “Hippie-Blatt”, sondern allenfalls als “Hinz&Kunst” verunglimpft werden könnten, denn statt Hippies gibt es auf Gomera ja inzwischen nur noch “Obdachlose”.

Es geht weiter

Wenn ich Jude wäre oder Katholik, Quaker, Muslim, Pastafarian oder Buddhist – der Abschied wäre leichter.
Bei der Beichte würden dem Pfarrer vielleicht ein wenig die Ohren bluten, aber ich käme immerhin anschließend in den Himmel.
Dahin käme ich auch, wenn ich mich in der U-Bahn, dem Stadion oder einem Rock-Konzert in die Luft sprengen würde. Da bekäme ich dann
sogar noch ein halbes Hundert niedlicher Jungfrauen als Zugabe hinterhergeschmissen.
Ich glaube auch nicht, dass ich eines Tages wiedergeboren werde. Selbst bei frömmstem Lebenswandel nicht.
Weder als bunter Schmetterling auf der grünen Wiese, noch als Filzlaus am Sack des Erzbischofs von Canterbury.
Als gottloser Geselle ist mit dem Zuklappen des Sarges wahrscheinlich Schicht im Schacht. Ende der Veranstaltung. Einfach Licht aus.
Und dann geistert man – wenn man Pech hat – als so eine Art “Untoter” im Nirwana herum, ist nirgend zuhause, weder im Himmel, noch in der Hölle,
noch am Sack des Erzbischofs. Jungfrauen kriegt man auch keine. Keine Harfe, kein Manna. Als arme, ungläubige Seele ist man beschissen dran, wenn man tot ist.
Besser also, man lebt noch eine Weile alt und gebrechlich vor sich hin. Auch wenn es weh tut. Noch ist es ja nicht ganz so weit.
Noch hänge ich hier inzwischen zwar schon halb über der Klippe – aber eben nur halb. Der Rest zuckt noch. Und überlegt, ob man das mit dem Löffelabgeben
nicht doch besser noch eine Weile vor sich herschiebt. Seit ich gelesen habe, dass die Zahl der über-100-Jährigen überall auf der Welt rasant ansteigt,
denke ich mir, dass das auf Gomera wohl auch nicht anders ist. Außerdem hat Helmut Schmidt noch im Alter von 97 Jahren “Die Zeit” herausgegeben.
Da bleiben mir ja, nachdem ich auch noch das Rauchen aufgegeben habe, noch reichlich Jährchen, um meine unzensierten Perlen unter die Säue zu werfen und
meine immer piefiger werdenden Mitinsulaner auf die Nudel zu schieben. Wahrscheinlich würde ich mich ja sonst möglicherweise heftigst langweilen und mir bei Karsten mein bisschen verbliebenes Resthirn wegsaufen. Was auch kein allzu prickelnder Gedanke ist, weil ich zwar früher eine ganze Woche saufen konnte, und dann einen Tag lang einen dicken Kopp hatte.
Heute muss ich spätestens nach dem 3. Bier künstlich beatmet werden.
Also wird – anders als ursprünglich geplant – diese 100ste Ausgabe wahrscheinlich doch noch nicht die letzte sein. Alle Abonnenten können aufatmen. Die Kohle ist nicht weg.
Der Valle-Bote ist ja auch nicht “Air Berlin”, oder was? Und all unsere verzweifelten Leserinnen können ihre Tränchen trocknen und wieder fröhlich in die Zukunft blicken.
Es gibt jetzt ja wahrscheinlich doch noch längere Zeit was zu lachen, auf unserer immer trauriger werdenden Bananeninsel.
Anderes Thema:
Eine neue Regierung gibt es nun auch wieder in der Kalten Heimat. Zangengeburt. Und mancher fragt sich, wer diese Flitzpiepen eigentlich gewählt hat.
Wenn wir in diesen Tagen über die Uferpromenade von Valle Gran Rey schlendern, dann wissen wir es. Früher liefen da immer Leute rum, die sahen aus wie Mick Jagger oder Bob Marley.
Heute sehen die alle aus wie Alexander Dobrindt. Da fällt es einem doch glatt wie Schuppen von den Augen: Aha! Das sind die neuen Wähler in der kalten Heimat.
Dann ist es ja auch klar, wen die in ihre Regierung wählen, und mit wem die unter der Decke kunkeln um einen Ministerposten zu erschleimen.
Nee, Leute, mit diesen “Volksvertretern” wollen wir nicht mal per Briefwahl was zu tun haben.  Da halten wir uns aber ganz schön und ganz weit fern von. “Sweet Home La Gomera!”

Dunkeldeutschlandwasserholer

Nee, nee, Leute.

“Dunkeldeutschland” ist keine Erfindung unseres heiligen Kanonenrohrs im Schloss Bellevue. “Dunkeldeutschland” gab es schon vor über dreißig Jahren, als wir ausgewandert sind. Damals war es in ganz Kohlrabien dunkel. Jedenfalls kam uns das so vor, sonst wären wir ja auch nicht ausgewandert. Und schon damals lag es keinesfalls nur an der fehlenden Sonne.
Vielleicht war es damals noch nicht ganz so dunkel wie heute, aber es war in weiten Teilen Bayerns und Niedersachsens doch schon ziemlich duster. Heute, nach Mauerfall und Wiedervereinigung, ist es da zwar auch kaum viel heller geworden, aber heute sind es ja vor allem die Sacksen die sich als die wahren Dunkelmänner der Nation hervortun. Lauter Bekloppte, die in der Gegend rumlaufen, “Ausländer raus!” grölen und überall Flüchtlingsheime anzünden.
Zwar recken auch in anderen Teilen unseres ehemaligen Vaterlandes vermehrt wieder Nazis den Hals aus der braunen Suppe, aber im Osten scheinen sie das inzwischen sehr viel ungenierter tun zu dürfen als beispielsweise auf St. Pauli, wo sie nämlich gleich reichlich auf die Glocke kriegen.
Auch bei einigen unserer deutschen Neuresidenten stellen wir eine heimliche Verbräunung fest, die nicht von der kanarischen Sonne kommt. Die haben sie offensichtlich unbemerkt ins Land geschmuggelt. Zwar halten sich unsere insularen Bräunlinge noch gut bedeckt (was auch besser für sie ist) und bleiben vorwiegend unter sich, aber in einigen Hirnen rumpelt es doch bereits vernehmlich wieder ziemlich teutonisch national. Hoffentlich ist das nicht ansteckend! Schließlich haben wir nicht den geringsten Bock darauf, möglicherweise wieder nach Dunkeldeutschland auswandern zu müssen.

Euch juckt wohl wieder das Fell.

Aus purer Sorge um ihr Volk will die CSU jetzt 80.000 Alarmsirenen
installieren und atombombensichere Bunker bauen.
Gleichzeitig werden alle ausgemusterten Panzer generalüberholt
und – sobald die geföhnte Uschi wieder genug Knete in der Kasse hat –
jede Menge neue gebaut. Die Bundesregierung will den Wehr- äh –
„Verteidigungsetat” schon im kommenden Jahr um 1,2 Milliarden Euro
aufstocken. Das geht aus den Eckwerten für den Haushalt 2016 und
die mittelfristige Finanzplanung hervor, die den Deutschen
Presseagenturen vorliegen. Der Verteidigungsetat soll bis 2019
schrittweise von derzeit 32,97 Milliarden auf 35,01 Milliarden Euro
erhöht werden. Die deutsche Rüstungsindustrie, die inzwischen
nicht nur Waffen auch in Kriegsgebiete liefern darf, richtet sich
schon mal auf eine steigende Binnennachfrage ein. Das schafft
zusätzliche Arbeitsplätze und steigert das Bruttosozialprodukt.
Deutsche Soldaten kämpfen nicht länger nur am Hindukusch, in Syrien
oder am Horn von Afrika – Nein! Sie marschieren (als Militärberater
getarnt) auch schon wieder in die Ukraine ein.
Dort kennen sie sich ja auch von früher noch ganz gut aus.
Siebzig Jahre ohne richtigen Krieg in Europa scheint vielen eine
viel zu lange Zeit, oder was? Euch juckt wohl wieder das Fell!
An der Nahtstelle der tektonischen Platten zwischen Russland
und Amerika können wir uns angeblich nicht so einfach pazifistisch
wegducken. Da müssen wir Stellung beziehen. Schließlich sind wir ja
nicht nur NATO-Mitglied, sondern gleichzeitig die führende
Wirtschaftsmacht in Europa. Und mit was lässt sich schneller und
leichter viel Geld und so den Wohlstand mehren als mit Krieg?
Kauft Euch also schon mal einen Stahlhelm, Leute. Oder wandert
rechtzeitig – weit ab vom Schuss – nach Gomera aus.